Soonwald-Umrundung

Hier der Originalbericht von Bruno Schneider aus der Schweiz:

„Hätte da noch Urlaub ... schreib mich mal auf„ ... mit dieser Mail an runabout (Wolfgang Gräf) begann die Geschichte.

Irgendwann war dann mal Freitag vor dem vereinbarten Termin ... BugsBunny hoppelt ... nein,

nicht nach Bingen, sondern mal zum Winterthurer Hauptbahnhof. Wäre auch ein bisschen weit

gewesen ... und schliesslich wollen wir Samstag laufen.

Nach knapp 5 Stunden überquert der Zug die Nahe; ich bin in Bingerbrück. Wolfgang steht schon auf dem Bahnsteig und dann geht's per Auto zügig auf die Elisenhöhe, wo auch schon Katrin (die Freundin von Wolfgang) auf uns wartet.

Nach dem Nachtessen vertreten wir uns noch rasch die Füsse und schauen mal den Zieleinlauf des Rheintal-Ultras so quasi aus der Vogelperspektive an. Der Bahnübergang bei Kilometer 65 ist dieses Jahr nicht mehr vorhanden – mir soll's recht sein, letztes Jahr bin ich von dort weg mehr

geschlichen als gelaufen – elender Rhythmus-Brecher.

Wieder zu Hause angelangt, angeln wir mal diverses Kartenmaterial hervor und schauen uns die verschiedenen Möglichkeiten an. Schliesslich wollen morgen Samstag 12 Stunden ausgefüllt sein.

Das Rheintal vergessen wir gleich – davon sehen wir am Rheintal-Ultra noch genug. Die andere

Rheinseite kommt auch nicht in Frage, da ich nicht 12 Stunden an Weinflaschen, äh Reben, entlang

laufen will ... so etwas nennt sich meines Erachtens „Menschenquälerei„.

Bleiben noch das Gebiet der linken Rheinhöhen und Hunsrück-Soonwald. Wir entscheiden uns für den Soonwald, hecken auf der Karte eine Strecke von Stromberg weg zur Alteburg und Wildburg aus und schätzen das ganze mal auf etwas über 50 Kilometer. Sofern genügend Zeit bleibt, können wir anschliessend noch Richtung Bingen marschieren.

Samstagmorgen ... erster Blick nach draussen. Irgendwie erinnert mich die Wetterlage an Belgien, dort war's vor zwei Wochen an der Dodentocht ähnlich. Verdammt noch mal ... auf Regen und Kälte hätte ich diesmal verzichten können.

Wir sind nicht gerade übermässig motiviert, lassen uns beim Frühstücken Zeit und haben keine Eile,

aus dem Haus zu kommen. Irgendwann sind dann aber die Rucksäcke gepackt und die Schuhe geschnürt, und wir fahren nach Stromberg.

Eigentlich wollten wir etwa um 8 Uhr weglaufen; bis wir in Stromberg den Marktplatz verlassen, ist es dann eher schon fast 9 Uhr. Nach kurzer Suche finden wir die Markierung des IVV-Wanderwegs, der wir mit einigen Abkürzungen bis zur Alteburg folgen wollen. Was wir noch nicht wissen: der Weg existiert zwar ... allerdings wurde die Wegführung in den letzten Jahren stark geändert. Unser Kartenmaterial stammt von 1998, was uns im Verlaufe des Tages noch einige Probleme beschert.

Nach kurzem Marsch über den Stromberger Sportplatz geht es rechts weg und für etwa eine halbe Stunde durch eine kleine Schlucht gleich mal knackig hoch. Es regnet leicht, während wir im

Zickzack den Wald hinauf marschieren. Irgendwann sind wir oben und laufen gleich auf der anderen Seite hinunter nach Eckenroth.

Weiter geht's durch eine karge Landschaft wieder leicht bergauf. Wir verlassen die Fahrstrasse und lassen das Dorf Schöneberg links liegen. Irgendwo hinter Schöneberg passen wir kurz nicht auf und verlieren die Markierung des IVV-Weges. Wir kommen zu weit links, beschliessen aber, vorerst einmal mehr oder weniger geradeaus weiterzugehen, da die grobe Richtung stimmt.

Oberhalb von Spabrücken finden wir plötzlich die Markierungen wieder im Gelände, dafür ist auf unserer Karte nichts „passendes„ zu finden. Offenbar hatte der Streckenchef des Rundwanderwegs mal Durst und hat daher die Strecke so geändert, dass sie im nächsten Dorf mal an einer Kneipe vorbeiführt. Nach einigen kleineren Umwegen sind wir wieder etwa dort, wo wir eigentlich durchwollen. Eine Viertelstunde lang geht alles gut ... dann sollte irgendwo rechts ein kleiner Pfad weggehen. Der ist nicht zu finden, stattdessen wachsen dort nur Farn und Brombeeren. Wir gehen geradeaus weiter und nehmen die nächste Strasse rechts. Die führt in ein ehemaliges Militärgelände.

Geheimhaltung ist ja schön und gut ... aber wenn auf der Karte die Hälfte der Strassen und Wege nicht eingezeichnet ist, ist es nicht mehr so lustig. Nach einigem Hin und Her beschliessen wir, den Hang so gut als möglich in Fallrichtung zu queren und hoffen, dass wir unten irgendwie über den eingezeichneten Bach kommen. Da dies nicht geht, weichen wir nach links aus und nehmen einen Waldweg, der später in eine Strasse mündet. Wir wissen nicht genau, wo wir sind, gehen davon aus, dass wir in Marschrichtung zu weit links abgekommen sind und wenden uns nach rechts. Nach einem weiteren Kilometer können wir feststellen, dass wir unterhalb von Münchwald stehen und damit gut 2 Kilometer abseits von der geplanten Route sind.

Unsere Karte kann langsam dem Dauerregen nicht mehr widerstehen ... immerhin finden wir heraus, wie wir wieder auf den IVV-Rundwanderweg kommen können. Wir machen uns auf den Weg den Wald hinauf und treffen nach kurzer Rast nach etwa einer halben Stunde wieder auf die IVV-Markierungen. Weiter geht's den Markierungen nach, bis der Rundwanderweg unvermutet nach links abbiegt. Nach der Karte sollte es eigentlich geradeaus weitergehen.

Wolfgang hat ein GPS bei sich und findet heraus, dass der Weg links fast gerade nach Schwarzerden führen müsste. Unser Ziel Alteburg liegt zwischen unserem Standort und Schwarzerden, also gehen wir nach links. An der nächsten Kreuzung geht aber der markierte Weg in die falsche Richtung. Wir wollen auf den Rennweg, und der müsste nach unserer Karte irgendwo

rechts oben auf einer Krete sein. Dummerweise ist unser Standort genau auf dem Kartenfalz, eine klassische Sollbruchstelle. Die Karte kann dem Regen nicht mehr trotzen .. wir können den Inhalt mehr erahnen als sehen. Also gehen wir nach rechts den Berg hinauf und hoffen, den Rennweg oben zu finden.

Oben ist aber nichts von einem Weg zu sehen. Wir vermuten ihn hinter der Krete, laufen weiter ... immer noch nichts. Verdammt, irgendwas stimmt nicht. Wir stolpern weiter durch den Wald und sehen irgendwann unter uns eine breite Waldstrasse. Da wir nicht ausmachen können, wo wir sind, vertrauen wir unserem Orientierungssinn, gehen zur Strasse hinunter und wenden uns nach links.

Später stellt sich heraus, dass wir glaubten, ein ordentliches Stück weiter zu sein. Links von uns sehen wir einen Fernmeldeturm ... der müsste doch auf der Karte sein. Nach kurzer Suche finden wir das Objekt auf dem Papier und stellen beruhigt fest, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Noch bis zur nächsten Kreuzung ... wir sind auf dem Rennweg.

Bis zur Alteburg sollen es noch 7 Kilometer sein ... anders gesagt, eine gute Stunde fast steckengerade aus. Wir konsultieren mal die Uhr und stellen fest, dass wir seit gut 5 Stunden unterwegs sind. Bis zum Wendepunkt müssen wir nochmals mit einer guten Stunde rechnen ... und wir wollen eigentlich über die Wildburg und den Schanzerkopf zurück nach Stromberg. Unsere Karte ist inzwischen endgültig in die Bestandteile zerfallen. Da wir den geplanten Rückweg nicht kennen und die Zeit vorgeschritten ist, beschliessen wir, auf die geplante Route zu verzichten. Das Risiko, uns ohne Karte in unbekanntem Gelände zu bewegen, ist uns zu gross. Ausserdem rechnen wir damit, bei einem weiteren „Verhauer„ am Schluss womöglich in der Dunkelheit herumtappen zu müssen. Da gehen wir lieber wieder auf dem Rennweg zurück, den Wolfgang von einer Biketour her kennt.

Nach einer guten Stunde und einem kurzen Steilstück den Wald hinauf stehen wir auf der Alteburg. Wir stehen nicht lange herum und machen uns auf den Rückweg. Der Regen hat inzwischen fast aufgehört und wir können die Jacken ausziehen.

An einer lichten Stelle im Wald nehmen wir wieder das GPS aus dem Sack und peilen mal unser erstes Ziel Stromberg an. Das System misst Luftlinie, bis Stromberg sind es 17 Kilometer. Der Rennweg folgt mehr oder weniger der Luftlinie, so dass wir damit rechnen, in etwas mehr als 3 Stunden Stromberg zu erreichen.

Inzwischen ist es etwa 15.30 Uhr und wir machen im nächsten Unterstand mal kurz Rast. Anschliessend beschliessen wir, in Stromberg unsere Arbeit zu beenden. Wir rechnen, gegen 18.30 Uhr zurück zu sein. Von Stromberg bis Bingen wären es nochmals etwa 12 Kilometer, das gibt mindestens nochmals 2 Stunden. Zudem sind unsere Schuhe ziemlich nass. Ich habe noch „Andenken„ von der Dodentocht und bin nicht unglücklich, wenn die Füsse Ruhe bekommen.

Wir gehen nun alles dem Rennweg entlang zurück, bis wir auf eine Verbindungsstrasse stossen. Da wir schon seit längerer Zeit praktisch ohne Karte unseren Weg nehmen müssen, gehen wir keinerlei Risiko mehr ein und werden den restlichen Weg den Strassen nach nehmen. Da ist zwar etwas weiter als der direkte Weg, aber Sicherheit geht vor. Zudem sind die Strassen nur schwach befahren.

Wir marschieren weiter zur Opelwiese. Nach kurzer Zeit kommt ein Strassenschild „Stromberg„, dass uns nach links den Berg hinauf weist. Da wir nun auf schnellstem Wege dorthin wollen, nehmen wir den letzten Berg des Tages in Angriff.

Regen haben wir genug gehabt ... jetzt kommt sogar die Sonne hervor. Nach kurzer Zeit den Berg hoch beginnen wir zu dampfen und ziehen nochmals eine Kleiderschicht aus. Das freundlichere Wetter hat auch noch einen einsamen Jogger nach draussen gelockt, nach kurzer Zeit begegnet er uns wieder auf seinem Rückweg.

Wir gelangen nach Neupfalz und folgen der Strasse weiter Richtung Stromberg. Allmählich geht es hinunter und wir vermuten, dass wir bald in Stromberg sind. Da wir raschmöglichst nach Hause wollen, nimmt Wolfgang mal sein Handy hervor und ruft Taxi „Katrin„ an. Sie soll uns in etwa 20 Minuten in Stromberg abholen.

Der Weg nach Stromberg zieht sich, zuletzt auf einer recht stark befahrenen Strasse. Endlich stehen wir beim Ortsschild und gehen vorsichtig weiter bis zum Marktplatz. Katrin wartet schon.

Nach kurzer Diskussion und Konsultation des GPS einigen wir uns über die zurückgelegte Distanz. Das GPS zeigt knapp 48 Kilometer an, misst allerdings im Wald nicht immer genau. Zudem haben wir etlichen kleine „Bogen„ gemacht. Wir gehen von gut 52 Kilometern aus. Im VirtuTEL vom Steppenhahn tragen wir dann 53 Kilometer ein.

Wolfgang plant weitere solche Läufe. Wir diskutieren noch über dies und das.

Zunächst jedoch wollen wir mal die Streckensucherei sein lassen. Am Sonntagmorgen fülle ich das Anmeldeformular des Rheintal-Ultras aus. Im weiteren einigen wir uns, im Oktober an der 50-km-IVV-Wanderung in Koblenz teilzunehmen.


Bruno Schneiter