24 Stunden für die Aktion "Da-Sein"
Eine Reportage über Jörg Engels Spendenlauf, Wildschweine, Nähmaschinen und Geisterläufer
Auf www.sololauf.de lese ich Jörg Engels Plan 200 km mit dem Babyjogger in 24 Stunden zu laufen. Der Startort soll Koblenz sein, daß Ziel Trier. Gewidmet ist der Lauf dem Bau einen Hospizes in Trier, der Aktion "Da Sein".
Wahrlich ein heftiges Vorhaben! Ich schreibe Jörg, den ich 2001 bei einem 24-Stundenlauf kennergelernt habe, eine Email, wünsche Ihm viel Erfolg und biete Ihm unseren Babyjogger als Ersatz an. Einen Tag später erreicht mich seine Antwort und die Zusatzfrage ob ich nicht Lust hätte auf "eine kleine Radtour". Ich antworte Ihm " So ca. 200 km an der Mosel entlang?" Bingo,und schon haben wir uns gefunden.
Ich helfe Jörg bei der Umsetzung seines Projekts: In 24 Stunden an der Mosel entlang - von Koblenz nach Trier laufen, daß sind dicke 200 Kilometer.
Ich rufe Arnold Schmitt an, meinen Supporter. Eine Stunde später steht das Team: Arnold im Auto, Jörg läuft und ich auf dem Rad. Die Supportplanung macht keine Probleme, maximale Sicherheit ist das oberste Gebot. Zuerste habe ich aber noch meine Deutschlandquerung im Kopf. Ich muß bei dieser Aktion Tempo rausnehmen, da Jörgs Aktion schon eine Woche nach meinem geplanten Lauf stattfindet.
Am 20.02.04 ist es auch schließlich soweit. Die letzten zwei Tage habe ich mit der Zusammenstellung und Überprüfung der Ausrüstung verbracht. - Ein Fehler, und das Projekt kann scheiter. -
Der Treffpunkt, 11 Uhr am Deutschen Eck in Koblenz, ready to rock.
Kurz begrüßen wir Jörg, er sieht fit aus. Unser Zeitplan sagt uns ranhalten, wir haben noch weniger als eine Stunde um die Autos und das Rad zu beladen. Schließlich geht es um 12 Uhr planmäßig los. Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir Koblenz. Jörg und ich fangen gleich mal mit einem Schwätzchen an, daß geht so eine halbe Stunde. Dann kommt der erste Spaß für mich - Brückenüberquerung! Ich schleppen mein Rad die ca. 15 Meter hohe Wendeltreppe hoch, und auch wieder runter. Hoffentlich müssen wir nicht über fünfzig solcher Brücken. Wir verlassen Koblenz und laufen an der Mosel entlang.

So spulen wir die Kilometer ab, bei Jörg läuft es wie am Schnürchen. Arnold supportet uns alle 10 Kilometer. Nach fünfzig gelaufenen Kilometern hat er für Jörg Kerzen und Sekt besorgt, first class support! Wir haben viel Spaß. Das Wetter ist sehr schön, die Mosel zeigt sich von Ihrer besten Seite.

Gegen 18 Uhr wird es dunkel, ich bekomme langsam eine Ahnung davon, was mich in der Nacht erwarten wird. Kälte! Ich sitze auf dem Rad und rolle mit ca. 9 Km/h neben Jörg her. Jörg läuft rund, wie eine Nähmaschine :-)
Mein Problem ist die fehlende Bewegung, durch den Fahrtwind kühle ich aus. Nach einigen Haltepunkten habe ich 4 dicke Winterhosen an, 2 Pullover, eine Fleecejacke und eine Funktionsjacke. Das es kälter werde würde, dachte ich mir schon, aber so?! Bei nur ca. -2 Grad! Hätte ich nicht gedacht. Langsam beginnt meine harte Phase.
Ich sitze auf dem Rad, bewege mich nicht, blinke wie ein Weihnachtsbaum, und das war es auch schon.
Eintönig in die Dunkelheit fahren, ich habe 12 bewegungslose Stunden vor mir, in denen ich zu 95 % nur auf die ersten 10 Meter vor dem Rad schaue. Jörg hat sich zurückgezogen, er läuft in seiner Welt und sieht gut aus.
Der Fahrradweg verengt sich auf ca. einen Meter, uns kommen Autos mit Fernlicht entgegen. Jetzt nur keinen Schlenker, die Bundesstraße ist direkt neben uns. Ich konzentriere mich, daß ich das Rad ruhig halte und nicht auf die Fahrbahn komme, Jörg bleibt stehen. Wir beten beide, daß wir nicht mehr solcher Passagen vor uns haben. Sicherheit geht uns zu 100 % vor.
In dieser Phase ist Arnold unsere Oase, immer gut drauf, hat essen und trinken, daß zählt. Wir bekommen nun Besuch von der Presse, Holger, er fährt für zwei Stunden auf dem Rad neben uns her. Was ein Service, wir haben viel zu lachen und zu erzählen. Holger hilft uns über Mitternacht hinaus. Jörg schafft die ersten 100 km in 12 Stunden. Und läuft wie eine Nähmaschine, keinen Einbruch, nichts......

Als wir die 100 Kilometer Marke erreicht haben, halten wir Bergfest. Ich habe Gaskocher und Geschirr eingepackt, es gibt Tee. Jörg verkriecht sich in seinen Schlafsack, natürlich stehend.
Un da kommt auch schon die Polizei und kontrolliert uns, wir erklären die Aktion und werden bewundert. Und da Bewunderung bei mir was kostet, drücke ich denen auch gleich mal das Überweisungsformular für die Aktion "Da-Sein" in die Hand. Die Polizei dein Freund und Helfer... Ein "Äh, klar" kommt mir entgegen. Und das Versprechen das wir noch öfters kontrolliert werden. Klar, kein Problem, solange gespendet wird :-)))))
Holger verläßt uns, wir starten in die dunkle Nacht. Ich beschäftige mich mit "Augenraten". Welches leuchtende Augenpaar gehört zu welchem Tier? Zwischendurch bewundere ich die Spiegelungen der Mosel. Wunderschön, die Mosel steht fast still, ich sehe die beleuchteten Kapellen sich auf der Wasseroberfläche spiegeln. Schade, daß ich kein Kamerastativ dabei habe, es ist eine wunderschöne und friedliche Umgebung. Der Jörg läuft, wie eine.....na?....Nähmaschine!
Lieder des Windes. Meine Umgebung ist absolut still, durch den Fahrtwind auf dem Rad summt der Wind in meinen Ohren. Es sind Melodien, komponiert von der Natur. Wunderschön. Ein meditatives Erlebnis, ich empfinde tiefe Ruhe und Ausgeglichenheit. Ich bin weit Weg von der "normalen" Welt und doch mittendrin.
Der nächste Verpflegungspunkt unterbricht alles, Jörg versorgen. Er sieht gut aus. Kurz ausruhen und weiter gehts.
Wie gewohnt fahre ich mit dem Rad vorraus. Es ist ruhig und dunkel, ich beginne wieder dem Wind zu lauschen.
Dann bin ich mittendrin, ohne Vorwarnung! Eine Rotte Wildschweine!
Die Rotte bricht aus dem Gebüsch neben mir heraus. Frischlinge, hoffentlich haben die keine Frischlinge! Ruhe, lass Sie fliehen. Ein Eber schaut rüber. Ich muß ruhig bleiben, ich darf die Hektik nicht verstärken. Ich pfeife langsam "New York, New York" von Frank Sinatra. Die Flucht der Schweine geht nun in geordnete Bahnen, sie lassen mich in Ruhe. Die Schweine sind weg, weg, und ich bin wieder allein allein. Ums mal mit den Fanta4 zusagen. Ich habe noch das Aufschlagen der Hufe auf dem Radweg in meinen Ohren.
Jörg kommt angelaufen, er hat bemerkt, daß irgendwas nicht stimmt. Ich erzähle Ihm, was passiert ist. Da in dem Gebiet vor Wolf, so heiß der Ort, viel Wild ist, beschließe ich, daß ich öfters mit der Fahrradglocke klingle. So hören uns die Tiere kommen und können uns umgehen. Weitere zehn Minuten der Dunkelheit, und ich höre ein Grunzen in einem Busch.
"Nee, also das ist Einbildung", denke ich mir. Dann grunzt es heftiger, es raschelt. Da höre ich Jörg hinter mir singen: "Jörg Engel, ich bin der Jörg und laufe an der Mosel, und es ist dunkel ..." Also doch Schweine, gemeinsam versingen wir Sie.
Langsam graut dem Morgen. Der Morgen graut. Jörg läuft, ich mache eine kurze Pause auf dem Rad. Plötzlich rennt "Jörg" in einem Affenzahn an mir vorbei.
???? Was ist denn jetzt los???? Spinnt der????
"Jörg" verläßt den Radweg, ich schreie: "Rechts runter". "Jörg" läuft dann auch rechts. Der spinnt!!!!! Der läuft ja mindestes einen 15-er Schnitt! Ich fahre zu Ihm auf und sage: "Spinnst Du, willst Du um 8 Uhr in Trier sein?"
"Jörg" antwortet mir: "Ich gehöre nicht zu Euerem Verein! Der ist hinter mir."
"Scheiße, daß ist der Falsche, peinlich!!!!", schießt mir durch den Kopf. Ich habe soeben einen Frühaustehjogger erwischt und mit Jörg verwechselt. Der richtige Jörg steht hinter mir und lacht sich tot ... Dann läuft er weiter, wie eine ... genau.
Pause, und weiter gehts, alles läuft rund.....
Bei Kilometer 155 stöß ein weiterer Arnold zu uns. Er ist ein Kollege von Jörg, 25 Kilometer will er uns begleiten. Wir sind froh, er kennt die Strecke. Wir rechnen und stellen fest das wir zu langsam sind. Jörg sieht immer noch gut aus, alles ist im grünen Bereich. Ich entschließe mich ihn zu "motivieren". Das Tempo wird schneller, die Abstände der Pausen größer. Arnold der Mitläufer erkundigt sich was jetzt los sei, er verhält sich wie ein Ultraläufer! Wir sprechen uns ab. Er merkt was nun angesagt ist.
Ich bin beruhigt, die Rechnung geht auf, Jörg hält das Tempo und sieht gut aus. Und Arnold, der Mitläufer, motiviert weiter. Ich nehme Jörg seine Pausen, gebe Ihm den Schnitt an. Jörg läuft ... Prima. Aber, ich glaube, ich sinke im Moment in seiner Gunst.
Eine Wahnsinnsleistung von Jörg, er spult die Kilometer ab.
Wir erreichen das Trierer Stadtgebiet. Der Druck von Jörg fällt langsam ab. Er wird müde, ein kurzes Motivationsgespräch, daß von Arold mit "Ganz schön Heftig" kommentiert wird und weiter gehts. Ich drehe mich zu Jörgs Mitläufer und entgegne Ihm: "Er würde für mich das Gleiche tun...". eine einbruch am um 11
der läuft der jörg
Es ist kein Tief, wahrlich nicht, es ist nur die Müdigkeit.
Jörg Engel läuft weiter in die Trierer Innenstadt, unterwegs zu einem Sieg den er sein ganzes Leben lang im Herzen behalten wird. Einen Sieg für die Aktion "Da-Sein". Alle Autofahrer lassen Ihn passieren, jeder hält an ... es wird gespendet.
Arnold Barzen, auch Dir meinen Glückwunsch zum ersten Ultra !

Weiter Infos finden Sie unter: www.sololauf.de
Copyright Wolfgang Gräf, 23.02.04